15:05h: Ich überquere eine kleine Einbahnstraße und werde von einem zurücksetzenden Auto angefahren. Der Kinderwagen fährt gefährlich auf zwei Rädern, doch ich kann ihn halten. Ein Zeuge nimmt die augenscheinlichen Merkmale (Marke des Autos, Kennzeichen, Straßenname etc.) auf, schreibt seinen Namen und Adresse auf und muss weiter. Ich stehe unter Schock und tröste mein weinendes Kind. Der Autofahrer diskutiert mit mir rum, will mir Geld geben, wenn ich nicht zur Polizei gehe. Ich schreie ihn an, beschimpfe ihn, diskutiere noch kurz und gehe dann.
16:00h: Der Schock hat nach etwas nach gelassen, die Vernunft ist ein wenig an die Oberfläche gekommen und hat mich ins Krankenhaus geschickt. Langsam bahnen sich Schmerzen im Knie und in der Hüfte ihren Weg zu meinem Gehirn. Ich sitze im Wartezimmer und würde am liebsten weinen. Mir geht es nicht gut, aber der kleine Prinz ist wohl auf und möchte beschäftigt werden.
17:30h: Endlich, ich werde ins Behandlungszimmer gerufen. Nun kann es ja eigentlich nicht mehr so lange dauern, denke ich und bin verwundert, wie viel Pflegepersonal sich an dem kleinen Prinzen erfreut. Fast alle 10 min steht ein anderer Pfleger im Zimmer und bespaßt das Kind für einige Minuten. Irgendwann schläft das Kind ein und mir ist sterbens langweilig. Außerdem werden die Schmerzen schlimmer. Ich will nach Hause in mein Bett und dort sterben, respektive mich von meinen lieben Freunden pflegen und versorgen lassen.
19:30h: Gerade habe ich einen Arzt angemault, ob ich vergessen wurde, kurz darauf war er dann bei mir im Zimmer. Noch einmal muss ich alles erklären, den Verlauf schildern und Angaben machen, die ich nicht kenne. Für mich lief alles in Zeitlupe, keine Ahnung, ob der schnell oder langsam fuhr. Ich weine, bekomme ein paar Schmerzmittel. Ich habe keine Lust mehr auf Krankenhaus. Der Doc schickt mich zum röntgen.
20:00h: Ich sitze im Wartebereich zum röntgen. Der kleine Prinz ist inzwischen wieder wach geworden. Eine Schwester hat sich in ihn verguckt und schleppt ihn durchs halbe Krankenhaus, zeigt ihm alles und geht mit ihm anschließend in die Cafeteria und isst ein Stück Kuchen mit ihm. Währenddessen sterbe ich und muss mit unangenehm riechenden Menschen (sie stanken voll nach Katzenpi) auf einer Bank sitzen.
20:30h: Endlich, ich werde geröntgt und die Medis wirken. Der kleine Prinz ist inzwischen zurück in seinem Kinderwaagen (leicht verschmiert, aber glücklich) und bezaubert die nächsten Schwestern mit seinem Lachen. Mein Knie und die Hüfte werden geröntgt und ich frage mich kurzweilig, ob ich vielleicht ausversehen im Pilateskurs statt im Röntgen gelandet bin. Wieso brauchen die so schmerzhafte Posen um alles zu foto röntgen?! Ich will endlich heim. Außerdem habe ich Hunger. Konnte ja gestern nichts essen wegen der Zahnarztbetäubung. Und als ich etwas jagen wollte kam der Unfall. Statt dessen muss ich mit den Bildern zurück in den Wartebereich. Ich bin gar nicht dick, stelle ich fest, ich habe nur stabile Knochen. Ein bisschen grinse ich bei dem Gedanken.
20:50h:Ich werde ins Behandlungszimmer gerufen und im Schnelldurchlauf bekomme ich meinen Befund, ein paar Medis und den Arztbrief. Eine “Gute Besserung” wird noch gewünscht und schon ist der Arzt weg. Er hat Rechtschreibfehler in den Arztbrief integriert. Soll das ein Test sein? Wenn ja, dann habe ich wohl bestanden.
21:00h:Ich verlasse die Unfallstation. Zwar habe ich keine Frakturen, lediglich mittelstarke Prellungen am rechten Knie und an der dazugehörigen Hüfte, eine leichte Stauchung der Wirbelsäule (im Lendenbereich, falls es jemanden interessiert) und das soll es gewesen sein. Irgendwie wirken die Medis nicht mehr, aber ich gehe tapfer zum Bus.
21:30h: Ich komme bei der Polizei an. Was ist nur heute los, dass ich überall so unendlich lange warten muss?! Ich sitze mit einer Alzheimerpatientin und höre mir geduldig ihre Geschichte mehrmals an. ich antworte ihr auch auf ihre immer wiederkehrenden, sich wiederholenden Fragen und bin ganz lieb. Tolle Medis.
22:00h: Ich gebe endlich alle mir zur Verfügung stehenden Angaben zum Besten und bin dabei heilfroh, dass der Zeuge so genau alles aufgeschrieben hat. Der kleine Prinz ist zwar wach, findet aber alles ganz spannend, besonders den Stift des Polizisten und seine Brille. Ich muss ganz genau sein und anhand einiger Skizzen zeigen, wie sich alles zugetragen hat. Ich sage dem Polizisten auch, dass ich den Autofahrer beschimpft und beleidigt habe. Es ist mir alles egal. Ich habe Hunger und will in mein Bett.
23:00h: Endlich bin ich zu Hause. Am Chinaimbiss konnte ich noch eine große Portion Nudeln ergattern. Nicht gerade das Tollste, aber in diesem Moment das wohl Leckerste auf Erden.
Und da könnt ihr mal wieder sehen, wie sehr ich euch mag. Denn wer bietet euch schon so ein Spektrum an Katastrophen an, wie ich es tue?! 